Müdigkeit trifft es nicht. Erschöpfung ist ein zu klinischer Begriff für das Gefühl, das sich wie Blei in die Glieder legt, sobald der Wecker am Morgen klingelt – oder das Babyphone in der Nacht zum dritten Mal rauscht.
Wir sprechen hier von einem Zustand, der tiefer geht als Schlafmangel. Es ist eine Seelenmüdigkeit. Eine, die sich einschleicht, wenn wir nachts hellwach liegen und Listen im Kopf durchgehen, während das Haus schläft. Listen, die niemals enden.
Wir gehören einer Generation an, die mit einem Versprechen aufwuchs. Uns wurde gesagt, die Welt stünde uns offen. Wir könnten Astronautinnen werden, Kanzlerinnen oder CEOs. „Girl Power“ war der Soundtrack unserer Jugend.
Wenn wir uns heute im Spiegel ansehen, blicken uns Frauen entgegen, die diese Power verzweifelt suchen, irgendwo zwischen dem Abwasch, dem Abgabetermin im Job und dem Trösten eines Kleinkindes, das seine Socken nicht anziehen will.
Die Liste im Kopf kennt kein Ende. Nicht weil sie lang ist. Sondern weil sie nie ein Ende findet. Noch während du die Brotdose packst, denkst du an die Windeln, die fast leer sind. Während du Windeln nachbestellst, fällt dir ein, dass morgen Waldtag ist.
Während du Gummistiefel suchst, siehst du die Rechnung liegen, die du vergessen hast zu bezahlen. Ein nie endender mentaler Organisationsmodus, der Energie frisst, statt sie zu geben. Es frisst Aufmerksamkeit. Konzentration. Präsenz. Dir geht nicht die Zeit aus. Dir geht der Raum aus – der mentale, in dem du mal nichts sein musst.
Wir lieben unsere Kinder bis zum Mond und zurück. Doch warum fühlt sich diese Liebe oft so unglaublich schwer an?
Das Erbe der Optimierung
Aufgewachsen sind wir in den 80ern und 90ern. Unsere Mütter gehörten oft noch einer Generation an, für die Rollenbilder klarer, wenn auch enger definiert waren. Wir hingegen wurden auf Leistung getrimmt. Nicht nur in der Schule, sondern auch im Lebensentwurf. Bildung war der Schlüssel. Unabhängigkeit das Ziel.
Diesen Anspruch haben wir in die Mutterschaft transferiert. Wir „managen“ unsere Familien wie Projekte. Kindererziehung ist nicht mehr etwas, das einfach „passiert“, während man den Haushalt führt.
Sie ist zu einer Arbeit geworden, die optimiert werden muss. Intuitiv zu handeln, scheint unmöglich, wenn uns tausende Ratgeber, Podcasts und Instagram-Accounts suggerieren, dass jeder Fehler traumatische Folgen haben könnte. Wir erziehen nicht einfach. Wir kuratieren Kindheiten.
Dieser Perfektionismus frisst uns auf. Früher reichte es, wenn das Kind satt und sauber war und draußen spielte. Heute hinterfragen wir die pädagogische Wertigkeit des Holzspielzeugs, analysieren die Inhaltsstoffe der Sonnencreme und fühlen uns schuldig, wenn wir nicht jeden Wutanfall mit der Geduld eines buddhistischen Mönchs begleiten.
Der Druck, alles „richtig“ zu machen, lastet tonnenschwer auf unseren Schultern. Wir erlauben uns kein Mittelmaß, weil wir trainiert wurden, stets nach der Bestnote zu streben.
Die To-Do-Liste, die niemand sieht, aber jeder erwartet
Mütter tragen durchschnittlich 73 Prozent der sogenannten mentalen Last in Familien. Das sind nicht die sichtbaren Aufgaben. Nicht das Aufräumen, nicht das Kochen, sondern das Denken.
Das Wissen, wann die Impfungen fällig sind. Das Erinnern, dass die Gummistiefel zu klein geworden sind. Das Planen, welches Geschenk für die fünfjährige Tochter der Cousine angemessen ist. Das Vorausahnen, dass dein Kind morgen schlechter Laune sein wird, weil heute die beste Freundin nicht zum Spielen konnte.
Diese Zahlen stammen aus aktuellen Zeitverwendungsstudien des Statistischen Bundesamts. Sie explodieren gerade bei der Generation, die zwischen 1981 und 1995 geboren wurde.
Millennial Moms haben etwas Besonderes geglaubt: Dass Gleichberechtigung ein abgeschlossenes Projekt sei. Dass die Partnerschaft, die wir uns aussuchten, anders funktionieren würde. Dass wir smarter, besser, moderner sein würden.
Jetzt sitzen wir hier, mit Smartphones, die uns zeigen, wie andere Mütter es offenbar schaffen, und Partnern, die zwar den Müll rausbringen, aber nicht wissen, wann der Biomüll an welchem Tag abgeholt wird. Die Trennung ist subtil, aber messbar: Wo Väter Aufgaben übernehmen, übernehmen Mütter die Verantwortung. Verantwortung ist diejenige Substanz, die nachts nicht schläft.
Instagram-Mütter haben keine Schatten
Dein Finger scrollt automatisch durch Bilder, die glatt wie Seide sind. Eine Mutter, die du vielleicht sogar kennst, strahlt aus einem Spot heraus, den sie „spontan“ im Kinderzimmer installiert hat.
Das Licht fällt so perfekt auf die handbemalten Wände, dass du plötzlich die Streifen an deinen eigenen Wänden siehst, die seit drei Jahren nur halb gestrichen sind.
Die Kinder tragen Kleidung, die aussieht, als hätte sie keine Essensflecken. Die Mutter selbst trägt etwas, das „Leinen“ heißt und offenbar nicht knittern kann.
Hier liegt eine der perversesten Fallen der Millennial-Mutterexistenz: Wir sind die erste Generation, die ihre gesamte Jugend mit Selbstdarstellung trainiert hat. Wir verstanden uns darauf, Persönlichkeitssegmente zu kuratieren, Lebensstile zu inszenieren.
Als Mütter wurde dieses Training zur Qual. Denn Kinder passen nicht in Filter. Kinder sind nicht kuratable. Trotzdem versuchen wir es, weil wir keine andere Sprache für Erfolg kennen. Die Folge: Eine Studie zeigt, dass 68 Prozent aller Mütter unter 40 sich durch soziale Medien schlechter fühlen, aber gleichzeitig 82 Prozent sie nicht abschalten können.
Wir sind süchtig von dem, was uns krank macht. Nicht, weil wir dumm sind. Sondern weil wir diese visuelle Grammatik unseres Lebens nie anders gelernt haben.
Die Erwartungen, die wir in uns trugen, sind schwerer als jede Kindertasche
Vor zehn Jahren, als du noch studiertest oder deine erste richtige Stelle hattest, hast du dir vorgestellt, wie dein Mama-Leben aussehen würde. Du wärst nicht wie deine Mutter. Nicht so angepasst, nicht so selbstlos, nicht so eingeschränkt.
Du würdest weiterhin Konzerte besuchen, ein eigenes Einkommen haben, deine Identität nicht in der Waschmaschine verlieren. Das war kein Traum, das war ein Versprechen, das dir deine ganze Generation gab.
Jetzt stehst du hier, und fragst dich, wo all das geblieben ist. Die Statistik kennt die Antwort: Millennial-Frauen sind bildungsintensiver als jede Generation zuvor, verdienen aber weniger als ihre männlichen Altersgenossen.
Sie arbeiten häufiger in Teilzeit, nicht, weil sie wollen, sondern weil die Kita um 16 Uhr schließt und die Nachmittagsbetreuung ein Mythos ist. Sie haben die höchste Erwerbsquote aller Müttergenerationen, aber auch die höchsten Burnout-Raten.
Die Lücke zwischen dem, was wir erwartet haben, und dem, was wir erleben, ist keine Kleinigkeit. Sie ist ein Abgrund, in dem unsere Selbstwahrnehmung manchmal verschwindet.
Das Besondere an Millennial Moms: Wir haben die Ansprüche, die unsere Mütter hatten, nicht abgelegt. Wir haben nur neue hinzugenommen. Wir sollen:
- Selbstverwirklicht in der Arbeit sein
- Achtsam und präsent bei den Kindern sein
- Nachhaltig und gesund kochen
- Klimabewusst leben
- Sexuell attraktiv bleiben
- Noch dazu eine „tolle Mama“ sein, die auch mal mit einem Gläschen Prosecco auf dem Spielplatz steht
Das ist keine Lebensrealität mehr. Das ist ein Perfektionismus-System, bei dem die Aufgaben endlos sind und der Erfolgsbalken nie voll wird.
Die Isolation inmitten der größten Vernetzung
Du hast 347 Nachrichten auf WhatsApp. Drei Gruppen sind stillschweigend ausgetreten, weil du drei Tage nicht geantwortet hast. Deine beste Freundin, die auch Mutter ist, lebt jetzt in einer anderen Stadt.
Das letzte Mal, dass ihr euch wirklich gesprochen habt, war vor zwei Wochen, als ihr Gespräch von drei Mal „Mama, ich muss mal“ unterbrochen wurde. Die Verbindung besteht noch, aber die Frequenz ist eine andere.
Millennial Moms sind die einsamsten Mütter der Geschichte. Paradox, weil wir die ersten sind, die technisch unbegrenzt vernetzt sein könnten. Aber genau das ist das Problem: Die digitalen Gemeinschaften ersetzen die analogen nicht.
Ein Herz-Emoji unter einem Foto ersetzt keinen Blick, der sagt: „Ich sehe dich. Ich sehe, wie müde du bist.“ Stattdessen entsteht eine zweite Schicht an Arbeit: Die Pflege der digitalen Mutter-Identität. Die Gruppen, in denen man aktiv sein muss. Die Ratschläge, die man geben soll. Die Solidarität, die man ständig beweisen muss.
Die tatsächlichen sozialen Kontakte sind rückläufig. Zu wenig Zeit, zu komplizierte Planung, zu viel Scham. Scham, dass das eigene Haus nicht vorzeigbar ist.
Scham, dass man nicht mehr der interessante Gesprächspartner ist, den man mal war. Scham, dass man überhaupt Scham empfindet, obwohl man weiß, dass das alles quatsch ist. Diese Scham ist die eigentliche Seuche unserer Generation. Sie macht uns still, wo wir laut sein sollten.
Die kleinsten Entscheidungen wiegen am schwersten
Wer kümmert sich darum, dass die Lieblingshose des Kindes gewaschen ist? Wer merkt, dass die Milch fast alle ist? Wer plant, dass nächste Woche Omas Geburtstag ist und ein Geschenk her muss?
Wer ruft beim Zahnarzt an, obwohl der Partner den Termin ausgemacht hat, weil er ja „auch macht“? Wer denkt daran, dass das Kind dringend neue Schuhe braucht, bevor es in die Pfütze tritt?
Diese Mikroentscheidungen, verteilt über 24 Stunden, 365 Tage, sind die eigentliche Last. Sie haben keinen Namen, keinen Prestigewert, keine Anerkennung. Aber sie zersetzen deine Konzentration, bis du nicht mehr in der Lage bist, ein Buch zu lesen, ohne an die morgige Brotdose zu denken. Das ist der Trick: Die Arbeit ist unsichtbar, weil sie fragmentiert ist.
Keine einzelne Aufgabe würde einen Menschen umbringen. Aber die Summe der ständig im Hintergrund laufenden Prozesse lässt dein Gehirn nie abschalten. Du bist nicht müde von einer Sache. Du bist müde von tausend Nichtigkeiten, die zusammen dein Leben füllen.
Forschern zufolge beansprucht diese mentale Last so viel kognitive Kapazität wie ein halber Vollzeitjob. Ein halber Job, den niemand sieht, niemand bezahlt, den aber alle brauchen, damit das Leben nicht auseinanderfällt.
Millennial Moms haben diesen Job perfektioniert, weil wir gelernt haben, effizient zu sein. Effizienz ist unsere Religion. Wir machen nicht nur die Dinge. Wir optimieren sie. Wir recherchieren die beste Kita, den gesündesten Snack, die sinnvollste Beschäftigung. Und während wir optimieren, vergessen wir, dass Leben auch mal chaotisch sein darf.
Die Wahrheit, die unter der Oberfläche brodelt
Du liebst deine Kinder. Das ist das Einzige, was sicher ist. Aber du liebst auch dein altes Leben. Du liebst deine Karriere-Idee, die jetzt ein laues Twice-a-Week-Homeoffice ist. Du liebst deinen Partner, aber manchmal hasst du, wie einfach sein Leben geblieben ist.
Du liebst deine Freunde, aber du hasst, dass sie dich nicht mehr brauchen wie früher. Diese Gefühle liegen nebeneinander wie Glassplitter in einer Schublade, die du nicht öffnen willst, weil du weißt, dass du dich schneiden wirst.
Millennial Moms leben in einer Zeit, in der Gefühle legitimiert werden. Wir sollen sie ausdrücken, therapieren, kommunizieren. Aber genau das macht die Last manchmal schwerer. Denn wenn du weißt, dass du eigentlich alles sagen könntest, aber niemand zuhört, der es nicht schon selbst erlebt – dann ist das Schweigen noch lauter.
Du bist nicht die Last. Du trägst sie.
Wenn du bis hier gelesen hast, dann hast du vermutlich zugestimmt, geschluckt, vielleicht auch geweint. Und hier kommt der Punkt, den du jetzt brauchst: Das, was du fühlst, ist real. Es ist keine Schwäche. Es ist keine Einbildung. Es ist keine „Phase“.
Die unsichtbare Last der Millennial Moms ist das Ergebnis einer perfekten Sturmflut: Wir sind die am besten ausgebildete Müttergeneration, die in den ungünstigsten ökonomischen Bedingungen lebt.
Wir haben die höchsten Erwartungen an uns selbst und die geringsten institutionellen Rückhalte. Wir sind digital kompetent, aber emotional ausgebrannt. Wir haben alles richtig gemacht, und es fühlt sich trotzdem falsch an.
Das ist nicht dein Fehler. Das ist ein Systemfehler.
Die Millennial Mom wird nicht als Heldengestalt gefeiert, weil ihre Arbeit unsichtbar bleibt. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum wir anfangen müssen, anders darüber zu sprechen.
Nicht als persönliches Scheitern. Sondern als kollektive Erfahrung. Als politisches Problem. Als gesellschaftliche Realität, die einen Namen braucht.
Dein Wert ist nicht an deine Produktivität gebunden. Nicht an deine Selbstoptimierung. Nicht daran, ob die Brotdose Instagram-tauglich aussieht. Dein Wert ist, dass du da bist. Dass du die Last trägst, obwohl sie unfair verteilt ist. Dass du trotzdem weitergehst.
Die nächste Generation wird vielleicht anders leben. Sie wird vielleicht lernen, dass man nicht alles haben kann, aber auch nicht alles sein muss. Sie wird vielleicht Systeme schaffen, die nicht nur auf Einzelleistung, sondern auf Gemeinschaft basieren. Aber bis dahin stehst du hier, in deiner Küche, um 23 Uhr, mit Schultern, die zu hoch sind.
Und genau in diesem Moment, in diesem absolut normalen, absolut übermenschlichen Moment, bist du nicht allein. Es gibt Millionen wie dich. Millionen, die dasselbe Denken, fühlen, tragen.
Die unsichtbare Last ist nicht mehr unsichtbar, sobald wir anfangen, darüber zu sprechen. In echten Sätzen. Mit echten Namen. Ohne Filter.
Dein Leben ist nicht ein Projekt, das verbessert werden muss. Es ist ein Leben, das gelebt wird. Und manchmal sieht gelebt aus wie eine unaufgeräumte Küche, ein halb vergessener Termin, ein Kind, das trotzdem lacht. Das ist nicht weniger. Das ist genug.
Die Last bleibt. Aber du wirst stärker, indem du sie nicht mehr allein trägst. Fang an, sie zu teilen. Nicht nur die Aufgaben. Die Wahrheit darüber, wie sie sich anfühlt. Das ist der einzige Weg, wie unsichtbare Last sichtbar wird. Und sichtbar werden muss sie. Für dich. Für uns alle.











