Ein offener Brief an dich, wenn du traurig oder deprimiert bist

Hallo,

du siehst so aus, als ob du etwas Hilfe gebrauchen könntest. Das musst du sicher, denn sonst wärst du nicht so bereit gewesen, dich hierhin zu klicken.

Lass mich also zunächst sagen, dass ich froh bin, dass du hergekommen bist. Nein, wirklich. Ich freue mich, dass du dir unter allen anderen Blogs diesen hier ausgesucht hast. Du willst wissen, warum? Weil du mir die Welt bedeutest.

Das meine ich ernst. Es klingt albern, oder? Als ob es unmöglich stimmen könnte! … Aber das tut es. Denn ohne dich würde die Welt, wie ich, wie sie und wie wir sie kennen, aufhören zu existieren. So viel Macht hast du. Du weißt es vielleicht noch nicht.

Ich wette, dass du viel Zeit damit verbracht hast, dich in Traurigkeit zu suhlen. Ich kann das verstehen. Du starrst vielleicht an die hinterste Ecke der Wand, bewegungslos, wortlos, ziellos. Vielleicht bist du so versteinert von Grübelei und Zerstörung, dass du 15 Minuten brauchst, um zu entscheiden, ob du heute Abend die Schuhe ausziehen und auf den Gang zum Supermarkt verzichten sollst.

Und weiteren 45 Minuten des Starrens und Nachdenkens ist es plötzlich zu spät, um ein ordentliches Abendessen zu kochen, und die Entscheidung ist für dich getroffen worden. Ich habe weiß Gott genau das auch schon erlebt.

Ich wette, in deinem Briefkasten stapelt sich die Post, weil es dir im Moment zu einschüchternd erscheint, dich der Außenwelt zu stellen. Der Briefkasten ist einfach ein Behälter mit Erwartungen, die andere an dir aufbürden, Erwartungen, die zu erfüllen du dich im Moment einfach nicht aufraffen kannst.

Du bist müde. Du bist nicht in Ordnung. Du füühlst dich heute nicht danach. Ich kann das nachvollziehen.

Vielleicht hast du dich gehen lassen. Stück für Stück, Pfund für Pfund. Noch eine Pille am Ende eines langen Tages, heruntergespült mit einem Sechserpack, um dich in den Schlaf zu wiegen. Noch eine ganze Tüte Tortilla-Chips, eingetaucht in köstlichen Käse-Dip. Ein Gähnen und ein Drehen auf die andere Seite der Couch. Ich weiß.

Vielleicht verlierst du auf der Arbeit die Hoffnung. Du wirst immer älter und fragst dich, ob du beruflich stagnierst. Bei dieser einen Beförderung bist du gerade zugunsten des Typen übergangen worden, der jeden Tag 20 Minuten zu spät auftaucht, der den ganzen Nachmittag damit verbringt, irgendwelchen Mist zu lesen und von der Mittagspause bis 17 Uhr Videoanleitungen anzusehen.

Vielleicht hast du deinen Job gerade verloren. Vielleicht gibt es nicht genug Pizza und Schokolade auf der Welt, die diesen Schmerz lindern können. Ich verstehe dich.

Und was ist, wenn du einsam bist? All deine Freunde bewegen sich weiter mit ihrer neuen Liebe, all die Bräute und Bräutigame und Babys und Spieltreffen und Kinder und Abschlussfeiern, und du schaust dir nur die Highlights von deinem Platz vor dem 16-Zoll- Bildschirm deines Laptops oder dem Smartphone aus an und siehst bei all ihren glücklichen, lebensbejahenden Status-Updates zu, in denen sie “Dankbarkeit” und “Achtsamkeit” ausdrücken, Hashtag “gesegnet” und “mein bestes Leben leben”. 

Vielleicht kochst du still in einem winzigen Anflug von Neid vor dich hin, der später der Traurigkeit weicht. “Was ich nicht alles geben würde, am Strand zu wohnen”, denkst du dir. “Es ist kalt hier. Es ist gerade echt kalt.” Lass mich dich aufwärmen.

Viele Menschen werden dir erzählen, dass sie den Schlüssel zum Glück und/oder Erfolg gefunden haben. Besonders im Internet. Und es ist total einfach und sie geben dir eine Liste von 10 Dingen, die du machen musst, und manchen davon beinhalten, dass du losziehst und dir einen dieser blöden 10.000-W-Lichtkästen kaufst, die künstliches Sonnenlicht simulieren, oder dass du 4.000 mg Fischöl einnimmst oder 100 Euro pro Woche auf den Tisch legst, um dich 30 Minuten lang einem völlig Fremden anzuvertrauen.

Aber ich weiß was mit dir ist. Du bist deprimiert. Du bist traurig. Du bist versteinert. All das ist eine Hausaufgabe – ein entmutigendes Rezept für das Scheitern – und Scheitern ist das Letzte, was dein Körper im Moment braucht. Mehr unnötige Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Das kannst du nicht brauchen. Und ich werde dich auch nicht darum bitten.

Ich bitte dich um eine Sache. Nur die eine. Eine Sache, so oft du kannst, so viel du kannst und so lange du kannst. Eine Sache, ein Wort, eine Handlung, die dein Leben verändern und die unendliche Kraft freisetzen könnte, die du in dir trägst, um das zu verändern, was dich langsam tötet.

Eine Sache, die für dich eine Welt erschaffen könnte, die du dir nie erträumt hättest, und die als Ausgangspunkt für alle anderen Unternehmungen dienen wird. Ich bitte dich, dich zu bewegen. Und das ist alles.

Damit meine ich nicht bewegen in dem Sinne, dass du deine Habseligkeiten verkaufst, in ein Auto springst und dein Leben irgendwo neu beginnst. Das meine ich mit Sicherheit nicht. (Auch das habe ich mal gemacht.) Ich meine Bewegung. Stehe auf. Gehe genau jetzt, bevor du zu viel darüber nachdenken kannst. (Okay, lies zuerst zu Ende und gehe dann sofort los.)

Ich möchte, dass du irgendwohin gehst. Mir ist egal, wohin. Gehe nach draußen. Mähe den Rasen. Gehe joggen. Geh im Park lesen. Ruf eine Freundin an. Fahre Fahrrad. Schalte das GPS aus und mache eine Erkundung, so weit dein Verstand sich vorstellen kann und so weit die Zeit reicht… und auch dann möchte ich, dass du weitergehst.

Ich möchte, dass du weiter läufst, als du zu schaffen denkst. Ich möchte, dass du allein in einen Jazzclub gehst und einfach nur dasitzt und dich von den Wellen der Trompete und des Basses überfluten lässt. Ich möchte, dass du das tun möchtest, denn das ist es. 

Das ist die Gänze unserer Existenz und das Herzstück unseres Lebens. Bewegung. Sie ist es, die uns von anorganischen Verbindungen unterscheidet. Sie ist es, die das Leben vom Tod unterscheidet. Lebende Menschen bewegen sich. Tote Menschen tun es nicht. Und wir alle versuchen nur, uns im Inneren ein wenig lebendiger zu fühlen.

Du musst daraus herauskommen, wo immer du feststeckt, und du musst die Unbeweglichkeit aufhalten und sagen: “Nein, Trägheit, du hast gestern den Kampf gewonnen, aber heute ist noch nicht vorbei und ich habe noch Zeit, als Sieger hervorzugehen!”

Die Trägheit wird nicht zurückschlagen. Sie kann es nicht. Weil die Trägheit nur gewinnen kann… nur gewinnen wird… wenn du sie lässt. Wenn du dich  nicht für dich selbst einsetzt und dich bewegst und jetzt aus der Tür gehst und sagst: “Zur Hölle mit dir, Trägheit, ich gehe jetzt in eine Bar und nehme einen Freund mit.” Oder einfach in den Park. Und einfach gehen. Bemerkt werden. Einen Hund streicheln.Jemandem zuwinken.

Eine Unterhaltung darüber anfangen, wie schön der Himmel aussieht, wenn seine Pastellfarben von Wolken aus Methangas aus örtlichen Raffinerien angehaucht werden. Du willst nicht laufen? Dann gehe. Du willst nicht gehen? Fahre. Du willst nicht fahren? Rufe jemanden an und lasse dich von ihm abholen.

Gib nicht, ich wiederhole, gib nicht nach in dieser Sache. Finde deine Zukunft; sie wird nicht nach dir suchen kommen.

Hast du schon mal Traurigkeit gesehen? Wie sieht Traurigkeit aus? Sie sieht bewegungslos aus. Du siehst nur sehr selten jemanden mit Tränen in den Augen Fahrrad fahren, einen Marathon laufen oder im Meer schwimmen. Das zu tun ist wirklich schwierig.

Hier ist ein Trick. Bist du gerade traurig? Bist du kurz davor, in Tränen auszubrechen? Gehe los und steige auf einen Hügel. Ich meine das ernst. Steige einen Hügel hinauf, so schnell du kannst. Steige auf den Hügel, egal wie klein er ist.

Ich möchte, dass du den höchsten Punkt findest, zu dem du vernünftigerweise kommen kannst, und ich möchte, dass du da hochkletterst, und wenn du oben angekommen bist, möchte ich, dass du auf die gesamte Menschheit schaust und sagst: “Hier bin ich, Welt! Es ist toll, hier zu sein!” Und ich möchte, dass du schaust, ob du immer noch weinen willst. Ich wette, du willst es nicht.

Bewege dich. Schreibe einen Brief. Schreib wie du dich fühlst. Ruf deine Mama an. Ruf deinen Papa an. Ruf deine Schwester an. Ruf eine alte Freundin an. 

Bleibe in Bewegung. Finde dich an einem Ort wieder, den zu erreichen du nie erwartet hättest. Mache einen Ausflug in den Wald, an den See, ans Meer, in die Berge… Und wenn nichts davon machbar ist, gehe einfach auf den Wochenmarkt, suche dir etwas frisches Gemüse zusammen und mache dir das leckerste Pfannengericht, das du je im Leben gegessen hast.

Und teile es. Rufe jemanden an. Lade ihn ein und sage ihm: “Das habe ich für dich gemacht, hier, iss.” Jeder freut sich über kostenloses Selbstgekochtes.

Gehe raus, jetzt, solange du jung oder im Herzen jung bist. Verscheuche noch einen Tag lang die Dämonen, die dir die Seele aussaugen wollen. Und dann schlafe gut in dem Wissen, dass du einen zusätzlichen Tropfen, einen zusätzlichen Schritt, aus einer zusätzlichen Minute eines Tages herausgequetscht hast, der nicht dein letzter ist. Und dann mache es morgen wieder.

Du kannst das. Du kannst machen, was dich bewegt. Du musst dich nur zuerst bewegen.

Bist du bereit?

Los geht’s.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.