Wenn deine Gedanken schneller flattern als ihre Zuneigung reicht…
Du stehst wieder da. Die Hände zittern. Nicht vor Angst, sondern vor der Anspannung, die richtigen Worte zu finden – für eine Mutter, die Worte immer als Waffen benutzt hat, während dein Gehirn sie nur schneller schießt als du sie fassen kannst.
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Die 63 häufigsten Sätze narzisstischer Mütter
Fehlende Mutterliebe und ihre Spätfolgen
Die Luft zwischen euch beiden ist dünn. Sie besteht aus ungesagten Vorwürfen, die du spürst, bevor sie formuliert sind. Dein Kopf voller Ablenkung hat schon zehn Antworten parat, acht davon zu wütend, drei zu verletzlich, keine richtig.
Das ist die Geographie eurer Beziehung: Ein Land, in dem du permanent auf Minen tippst und deine Mutter die Karte dazu hält – aber nur die falschen Versionen.
Die besondere Qual einer Kombination, die niemand sieht
ADHS allein ist schon wie durch eine verzerrte Brille auf die Welt zu blicken, bei der manche Dinge unglaublich scharf sind und andere verschwommen. Du spürst jede Stimmung im Raum, aber den Termin morgen vergisst du drei Mal.
Du kannst stundenlang in einem Buch versinken, aber die Steuererklärung liegt seit Wochen unberührt. Das ist dein Zuhause in deinem Kopf. Eine Mutter, die nur sich selbst sieht, aber baut kein Zuhause. Sie baut ein Schaufenster. Und du bist das Ausstellungsstück, das passen muss.
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Narzisstische Mutter
Die narzisstische Mutter, die empathische Tochter und das Gute-Tochter-Syndrom
Was ADHS in dir bewegt – die Flatterhaftigkeit, die Intensität, die impulsiven Gefühlsausbrüche – ist für sie keine neurologische Realität. Für sie ist es eine Beleidigung. Eine Kritik an ihrer Perfektion. Ein Fleck auf ihrer Fensterscheibe.
Das ist der entscheidende Unterschied: Mütter, die sehen können, reagieren auf die Schwierigkeiten ihrer Kinder mit Frustration, mit Sorge, manchmal mit Überforderung. Eine Mutter, die nur sich selbst sieht, reagiert mit Selbstschutz.
Dein Vergessen wird nicht als dein Kampf gesehen, sondern als Angriff auf ihre Planung. Dein hyperfokussiertes Verstummen nicht als deine Erholung, sondern als deine Abweisung. Du lernst früh: Dein Gehirn ist nicht nur anders. Es ist gefährlich – zumindest für die Zuwendung, die du bekommst.
Splitter aus einem zerbrochenen Alltag
Die Geschichte mit dem Pudding: Du warst sieben. Du wolltest ihr eine Freude machen. Die Anleitung war kompliziert, deine Gedanken sprangen, und plötzlich war die Küche voller Schokoladenflecken.
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Warum narzisstische Mütter die Haare ihrer Töchter als Waffe benutzen
Deine Mutter kam herein. Nicht wütend. Schlimmer: enttäuscht. „Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nichts anfangen, was du nicht zu Ende bringst?“ Das war der Moment, wo du verstanden hast: Deine Absicht zählt nicht. Nur das Ergebnis.
Dein ADHS-Gehirn produziert aber mehr Absichten als Ergebnisse. Das wird später zu einer Angst, die tiefer sitzt als jede Prüfungsangst: Die Angst, dein eigenes Potential zu verschwenden, weil du es schon als Kind gelernt hast, dass Versuch und Irrtum keine Wärme verdienen.
Wärme verdient nur, was perfekt ist. Und perfekt sein mit ADHS bedeutet: permanent gegen deine Natur zu leben.
Die Zeugnis-Situation: Du hattest eine Vier in Mathe. Und eine Eins in Kunst. Für deine Mutter gab es nur die Vier. „Was sollen die Nachbarn denken?“ Nicht: „Was brauchst du?“
Dein ADHS-Gehirn hatte sich in den mathematischen Strukturen verheddert, während es in den Kunststunden durch die Farben flog. Aber das war ihr egal. Ihr Kind musste funktionieren, nicht leben. Du entwickeltest eine Methode: Die guten Noten waren für sie, die schlechten für dich.
Deine Leistung wurde zu einer Währung, mit der du ihren Frieden kaufst – oder zumindest ihre Ruhe. Deine Kreativität, dein hyperfokussiertes Eintauchen in Themen – das alles wurde nicht als Geschenk gesehen, sondern als Ressource, die man einsetzen kann, wenn nützlich, und ignorieren, wenn lästig.
Der Nachmittag mit dem Kleid: Du hattest dich geweigert, das rote Kleid anzuziehen. Die Nähte kratzten, der Kragen schnürte deine Gedanken ab. Für deine Mutter war das eine Trotzreaktion. „Du willst mich bloß blöd aussehen lassen!“ Schreiend verließ sie das Haus. D
u bliebst zurück mit dem Gefühl, deine eigenen Sinne zu verraten. ADHS-Kinder erleben die Welt intensiver – Geräusche, Berührungen, Licht. Eine Mutter, die das nicht sehen will, lehrt nicht nur eine Grenze ab. Sie lehrt ab, überhaupt Grenzen zu spüren.
Du lernst: Wenn etwas in dir Nein schreit, ist das wahrscheinlich deine Eigenwilligkeit. Dein Körpergefühl wird zur Ungehorsamkeit umgedeutet.
Die Situation mit dem Geburtstag: Du hast ihren Geburtstag vergessen. Nicht absichtlich. Der Termin war auf dem Kalender, aber dein Blick ist an dem Tag daran vorbeigeglitten, weil dein Gehirn gerade in einem anderen Tunnel war.
Ihre Reaktion war nicht Enttäuschung. Sie war Shakespeare. Tränen, Vorwürfe, das ganze Spektakel: „Nach allem, was ich für dich getan habe!“ Du hast dich entschuldigt, natürlich. Aber du hast auch etwas anderes gespürt: Einen Teil in dir, der sich fragte, warum dein Vergessen – deine neurologische Realität – zu einer moralischen Verfehlung wird.
Warum ihre Würde wichtiger ist als dein Schuldgefühl. Das ist die zentrale Lüge deiner Kindheit: Dass deine Schwierigkeiten keine Schwierigkeiten sind, sondern eine Wahl gegen sie.
Die Zweiheit in deinem Kopf
Später, als Erwachsene, erkennst du ein Muster: Du hast zwei Gedächtnisse. Eins für die Fakten. Und eins für die Schuld. Das ADHS-Gedächtnis ist lückenhaft. Du vergisst Termine, Namen, wo du die Schlüssel hingelegt hast. Das Mutter-Gedächtnis aber ist selektiv.
Sie erinnert sich nur an das, was ihr Narrativ dient. Und weil du ihr Kind bist, übernimmst du dieses selektive Gedächtnis als deins.
Du fragst dich: War ich wirklich so ein schwieriges Kind? Hab ich das wirklich gesagt? Dein ADHS-Gehirn, das ohnehin Schwierigkeiten mit der Zeitreihenfolge hat, glaubt ihre Version, weil sie lauter war. Lauter und präsenter.
Du lernst, deine eigenen Wahrnehmungen zu bezweifeln. Das ist die tiefste Narbe: Nicht das, was sie dir angetan hat, sondern dass du angefangen hast, es selbst zu tun. Dass du deiner eigenen Realität nicht mehr vertraust.
Es entsteht eine seltsame Spaltung. Öffentlich bist du die perfekte Tochter. Du lernst, deine Impulsivität zu verbergen. Du wirst zur Meisterin der Kompensation. Du hast ein Radar für Stimmungen entwickelt, das schneller ist als jedes ADHS-Symptom.
Du weißt genau, wann du verschwinden musst, wann du lächeln musst, wann du deine Intensität herunterschrauben musst – was mit ADHS wie das Atmen unter Wasser ist. Aber du kannst es. Du hast es jahrelang getan.
Privat aber bist du das Chaos, das sie dir einredet. Du fällst in Hyperfokus-Löcher, die Tage verschlingen. Du vergisst zu essen, weil dein Gehirn zu beschäftigt ist, alte Gespräche zu analysieren. Du hast gelernt, deine ADHS-Merkmale zu verstecken wie eine Schande – denn genau das waren sie in deiner Kindheit: eine Schande für deine Mutter.
Du wirst zur Frau, die nachts um drei Uhr noch wach liegt und die gleiche Unterhaltung aus deiner Kindheit zehnmal durchspielt, weil dein Gehirn nicht abschalten kann und dein Herz noch immer nach einer Erklärung sucht, die nie kommen wird.
Warum das alles so lange unsichtbar bleibt
Die meisten Erwachsenen mit ADHS und einer Mutter, die sich nur um sich selbst dreht, bekommen erst im Erwachsenenalter ihre Diagnose. Warum? Weil sie perfekt darin geworden sind, Probleme zu verstecken. Deine Mutter hat dich trainiert, deine Schwächen zu verbergen.
Dein Überlebensmechanismus wurde zu deinem bestgehüteten Geheimnis. Therapeuten sehen oft nur die Niedergeschlagenheit, die Angst, die chronische Erschöpfung. Sie sehen nicht das dahinter: Ein Gehirn, das permanent gegen die Programmierung seiner eigenen Mutter ankämpft.
ADHS bedeutet, dass dein Gehirn andere Botenstoffe braucht, um einfache Aufgaben zu bewältigen. Das ist eine neurologische Realität. Aber deine Mutter hat dir beigebracht, dass dein Bedürfnis nach Anerkennung, nach Erfolgserlebnissen, nach schnellem Feedback – ein Charakterfehler ist.
Du bist gierig. Du bist aufmerksamkeitsbedürftig. Du bist anstrengend. Und so wirst du zum Erwachsenen, der nicht nur Schwierigkeiten hat, das Leben zu organisieren, sondern der auch noch die Schuld dafür trägt. Doppelte Last. Doppelte Erschöpfung.
Du bist nicht nur müde von der Welt. Du bist müde von dir selbst. Von dem ständigen Monitoring: Bin ich zu laut? Zu viel? Zu abwesend? Zu intensiv? Dein ADHS-Gehirn produziert tausend Ideen pro Minute. Dein Mutter-Training sagt dir: Keine davon ist wertvoll, außer sie dient einem Zweck.
Also lebst du ein Leben, in dem du deine eigene Neugier zensierst. Deine eigene Dynamik bremsst. Und das ist die traurigste Folge: Du verlierst nicht nur die Zeit, weil du sie vergisst. Du verlierst sie, weil du dich dafür bestrafst, dass du sie nicht besser nutzt.
Der Moment, wo die Schleife reißt
Dann passiert irgendetwas. Ein Satz. Ein Buch. Jemand, der endlich zuhört. Plötzlich fällt dir ein: Das Gefühl, „zu viel“ zu sein, hast du nicht von dir aus. Du hast es gespiegelt bekommen.
Deine Intensität, deine Schnellwechselhaftigkeit, deine emotionalen Tiefen – das sind keine Symptome, die dich kaputt machen. Das sind Überlebenszeichen in einer Umgebung, die keine Nuancen erlaubte.
Deine Mutter hat nie versucht, dich zu verstehen. Sie hat versucht, dich zu gestalten. Und als Gestaltungsmaterial war dein ADHS-Gehirn zu biegsam, zu unberechenbar. Statt die Besonderheit zu akzeptieren, hat sie dich für die Unberechenbarkeit bestraft.
Du warst das Puzzle, das nicht in ihr Bild passte. Also hat sie die Teile zurechtgebogen.
Das ist die Erkenntnis, die heilt: Dein Gehirn war nie das Problem. Das Problem war, dass niemand die Anleitung lesen wollte. Niemand hat gesagt: „Okay, sie braucht mehr Struktur, aber auch mehr Freiraum. Sie braucht Klarheit, aber auch Geduld.“
Stattdessen wurde deine neurologische Realität zu einem Mangel an Liebe umgedeutet. Und du hast das geglaubt. Weil Kinder das tun. Weil das einzige, was schlimmer ist als eine Mutter, die einen nicht sieht, ist die Erkenntnis, dass sie einen nicht sehen will.
Was bleibt, wenn die Wahrheit dir gehört
Heute weißt du mehr. Du weißt, dass dein Bedürfnis nach Bestätigung kein Gier ist, sondern eine Folge eines Gehirns, das für jede Aufgabe einen höheren Preis verlangt.
Du weißt, dass deine emotionalen Ausbrüche keine Manipulation sind, sondern eine Schwierigkeit mit dem Ausgleichen von Gefühlen – die du hast, weil du nie gelernt hast, Gefühle als Kind zu haben, sondern nur zu überleben.
Die Narben bleiben. Du wirst immer noch manchmal das Gefühl haben, „zu viel“ zu sein. Du wirst noch immer in Situationen geraten, wo du deine Realität infrage stellst. Aber jetzt hast du ein Wort dafür: Nein, nicht „ADHS“ oder „sich nur um sich selbst drehen“. Du hast das Wort: „Genau.“
Genau so war es. Genau so fühlte es sich an. Und genau so war es nicht deine Schuld. Nicht das Vergessen. Nicht die Intensität. Nicht das Gefühl, anders zu sein. Das war nie eine Wahl gegen sie. Das war immer nur dein Versuch, für dich selbst zu sein in einer Welt, die von ihr dominiert wurde.
Du bist nicht das Chaos. Du bist die Person, die im Chaos navigieren musste, ohne Kompass.
Der Weg nach vorne ist nicht, deine Mutter zu verstehen. Der Weg ist, dein Gehirn zu akzeptieren – mit all seinen flatternden Gedanken, seinen Tiefen, seinen Lücken. Das ist kein Freibrief für alles.
Aber es ist die Erlaubnis, endlich mit dir selbst mitfühlend zu sein. So mitfühlend, wie deine Mutter es nie sein konnte. Nicht, weil du es nicht verdient hättest. Sondern weil sie das nicht konnte.
Und das macht dich nicht zum Opfer. Das macht dich zur Expertin deines eigenen Lebens. Du hast mit einem Gehirn überlebt, das schneller ist als die Welt, und einer Mutter, die langsamer war als die Liebe. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Form von Stärke, die niemand messen kann. Außer du selbst.
Wenn du heute wieder dabei erwischst dich, wie du dich für deine „Macken“ entschuldigst – für die späte Antwort, das vergessene Treffen, die zu emotionalen Reaktion –, dann halt kurz inne. Atme. Und sag dir: Das ist nicht mein Urteil. Das ist ihre Stimme in meinem Kopf. Und ich habe das Recht, sie leiser zu drehen.
Du bist nicht die Summe dessen, was sie nicht sehen konnte. Du bist die Summe dessen, was du trotzdem geworden bist: Eine Frau, die weiß, wie flüchtig Aufmerksamkeit ist, und wie kostbar echte Zuwendung.
Eine Frau, die gelernt hat, im Lärm der Welt ihre eigenen Signale zu hören. Und das ist ein Geschenk, das sie dir nie geben wollte – aber das du dir selbst genommen hast.
Woran du merken kannst, dass es nicht „deine Empfindlichkeit“ ist
- Nach Gesprächen bleibt nicht nur Traurigkeit, sondern Benommenheit, Zittern, Gedankenkreisen.
- Entschuldigungen kommen automatisch, echte Verantwortung der anderen Seite selten.
- Lob fühlt sich nie sicher an, weil es jederzeit kippen kann.
- Grenzen werden als Angriff gewertet.
- Erfolge werden relativiert, Fehler werden gesammelt.
- Du fühlst dich als Tochter gleichzeitig alt (zuständig) und klein (machtlos).
Solche Punkte ersetzen keine Begleitung. Sie können dir trotzdem helfen, deine Realität ernst zu nehmen.
Du darfst wütend sein
Auf sie, weil sie nicht die Hilfe gesucht hat, die du brauchtest. Auf ein Umfeld, das Mädchen mit ADHS übersieht und Mütter, die nur sich selbst sehen, als „streng, aber liebevoll“ verharmlost. Auf all die Menschen, die nicht hingeschaut haben.
Auf dich selbst, weil du so lange gebraucht hast zu verstehen. (Auch wenn diese Wut unberechtigt ist – sie darf trotzdem sein.)
Der Weg nach vorne ist nicht, deine Mutter zu verstehen. Der Weg ist, dein Gehirn zu akzeptieren – mit all seinen flatternden Gedanken, seinen Tiefen, seinen Lücken. Das ist kein Freibrief für alles. Aber es ist die Erlaubnis, endlich mit dir selbst mitfühlend zu sein.
So mitfühlend, wie deine Mutter es nie sein konnte. Nicht, weil du es nicht verdient hättest. Sondern weil sie das nicht konnte.
Und das macht dich nicht zum Opfer. Das macht dich zur Expertin deines eigenen Lebens. Du hast mit einem Gehirn überlebt, das schneller ist als die Welt, und einer Mutter, die langsamer war als die Liebe. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Form von Stärke, die niemand messen kann. Außer du selbst.











