Ein Brief an diejenigen, die von meiner Depression betroffen sind

“Es tut mir leid.”

Ich weiß, diese Worte erscheinen so klein, und das sind sie auch. Es sindnicht mehr als ein paar einfache Buchstaben, aber ich weiß sonst nicht, wo ich anfangen soll.

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Also fange ich mit “Es tut mir leid” an.

Es gibt Dinge, die mir nicht leid tun, Dinge, die mir nicht leid tun können. Es tut mir nicht leid, dass ich krank bin. Das liegt nicht innerhalb meiner Kontrolle; es ist ebenso eine körperliche Erkrankung, wie es eine psychische ist.

Aber es tut mir leid um die Jahre, die ich damit verschwendet habe, mir selbst leid zu tun. Es tut mir leid um die Jahre, in denen ich versucht habe, meine Depression zu verstecken, sie geheim zu halten.

Weißt du, diese Geheimhaltung ist unser Verderben gewesen.

Ich habe dich weggestoßen, auch wenn du nie wusstest, warum. Vielleicht war dir nicht einmal klar, dass ich es getan habe, aber da waren abgesagte Pläne, Geburtstagsfeiern, zu denen ich nicht gekommen bin und gesellige Treffen, zu denen zu gehen ich mich gezwungen habe, ungern und widerwillig.

Es war nicht deine Schuld.

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Ich war zu zerbrochen, um mich zusammenzureißen, aber weil ich mich auch zu sehr fürchtete, dir die Wahrheit zu sagen, habe ich einfach immer nur dagesessen, mit einem gezwungenen Lächeln und faden Gesprächen über das Wetter oder die Arbeit.

Ich habe Spiele und andere Unternehmungen dankend abgelehnt, und während ich zwar nicht gegangen bin, habe ich mich in eine Ecke zurückgezogen und zugesehen, während du gelacht und gespielt hast.

Du dachtest, dass ich eine Spaßbremse bin (und das war ich), aber was mir am meisten weh tut – was mir am meisten leid tut – ist, dass du dachtest, dass ich zu gut für dich sei, zu gut für “kindische” Spiele.

Aber das war nie der Fall.

In Wahrheit will ich glücklich sein.

Ich will nichts mehr, als an deiner Seite zu lachen und alles so zu genießen, wie du es tust, aber es gibt irgendwo eine Trennung und ich kann es nicht.

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Klar, es gibt Augenblicke des Glücks und der Freude, aber hauptsächlich geht es in meinem Leben nur darum, über die Runden zu kommen. Statt also etwas vorzugeben, habe ich mich zurückgezogen – von dir und vom Leben.

Ich konzentrierte mich auf kleine Dinge, wie Zähneputzen oder Duschen.

Es scheint seltsam, diese “Leistungen” überhaupt zu erwähnen, aber wenn du nicht einmal aus dem Bett aufstehen willst, wenn du deinen Lebenswillen verloren hast, können die einfachsten Dinge die schwierigsten sein.

Es liegt daran, dass sie profan sind.

Das ist alles, was dein Leben mitten in einer Depression ist: das Banale, die Routine und das Profane.

Es tut mir leid, dass ich nicht zugegen war, dass ich deine Erfolge und Freuden nicht mitgefeiert habe.

Wisse bitte, dass ich es wollte, aber ich wurde manchmal vom Schmerz zurückgehalten – der Schmerz, all das zu sehen, was ich haben wollte, aber nie haben würde, nie haben könnte. Ich weiß, dass es egoistisch ist, aber ich wusste nicht damit umzugehen.

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Es tut mir leid um die Zeiten, in denen ich aufbrausend war und du meine Wut abbekommen hast. Wut ist das am wenigsten erwartete Symptom meiner Krankheit gewesen.

Als Teenager und sogar ein gutes Stück weit in meine 20er war meine Depression von Melancholie geprägt.

Aber als die Jahre vergingen, änderten sich die Symptome. Während ich immer noch die meisten Tage von Traurigkeit durchdrungen bin, ist die Wut das, was ich nicht ignorieren kann.

Die Wut ist, was mir Angst macht.

Meine unberechenbaren Worte haben dich verletzt und meine blinde und unversöhnliche Wut hat dich verwundet. Und es tut mir leid.

Es ist peinlich und furchteinflößend, zuzugeben, dass du Hilfe brauchst, zuzugeben, dass es dir nicht gut geht.

Du weißt, dass du keine andere Wahl mehr hast, als eine Therapie durchzuziehen, sobald du dein Geheimnis einmal preisgegeben hast.

Du wirst mit Freunden und Familie über deine Erkrankung sprechen müssen, selbst wenn du es nicht willst. Du weißt, dass du nicht mehr die Vorhänge zuziehen und dich verstecken kannst – und dieser Gedanke macht dir Angst.

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Manchmal “finden wir das Licht” und schaffen es heraus. Ich habe es auch schon geschafft; um genau zu sein, geht es mit mir gerade aufwärts, aber das heißt nicht, dass es mir besser geht. Ich weiß es besser, als zu glauben, dass es mir besser geht.

Depressionen sind eine lebenslange Erkrankung und meine Depression wird wiederkommen.

Es gibt nichts, was ich tun könnte, um es zu verhindern. Ich kann nur kontrollieren, wie ich damit umgehe, wenn es soweit ist. Und für mich bedeutet damit umzugehen, mich nicht davor zu verstecken; damit umzugehen bedeutet für mich, die Vorhänge zurückzuziehen und alle hereinzulassen.

An alle also, die mit mir in dieses Chaos verwickelt sind: Es tut mir leid.

Ich wollte euch nie verletzen oder euch durch diesen zwei Jahrzehnte langen Albtraum zerren.

Ich liebe euch dafür, dass ihr mir zur Seite steht und hoffe, dass ihr es immer noch könnt, aber ich verstehe auch, wenn ihr Abstand nehmen, wenn ihr gehen müsst.

Wisst bitte, dass ich euch trotzdem genauso lieben werde.

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